Monthly Archives: March 2015

Meine innere Autobahn

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Das Lymphsystem ist wie eine Autobahn. Meistens läuft der Transport reibungslos, fließend. Meine Lymph-Autobahn ist wie die Wiener Süd-Ost-Tangente im Montagmorgenverkehr. Und das leider immer. Lymphflüssigkeit staut in Armen und Beinen zwischen kranken Fettzellen, macht Abtrabsporte unmöglich und was bleibt ist Ärger. Ein ständiger Druck in den betroffenen Körperteilen begleitet mich jeden Tag. An schlimmen Tagen bleibt der Abdruck Rand der Socken über viele Stunden sichtbar, weil auch die Durchblutung “gestört” ist. Und genau deshalb, weil auch die Blutgefäße unter dem Stau leiden, habe ich ständig irgendwo blaue Flecken, ohne irgendwo anzustoßen. Dazu kommt die psychische Belastung und die Einschränkungen was die Mode betrifft. Ich kann keine Blusen tragen, denn wenn sie an den Oberarmen passen, sind sie an Schultern, Brust und Bauch viel zu weit. Kleider, fast unmöglich, passt’s an der Hüfte, ist es obenrum Marke 2-Mann-Zelt. Und ich würde so gerne einmal Stiefel tragen… Keine Chance. Shoppen – eigentlich ein Grundbedürfnis von vielen Frauen 🙂 war für mich lange eine echte Qual, jeder Spiegel ein erklärter Feind und jede Modezeitschift einfach nur grausam, weil so weit weg von der Realität.
Chance auf Besserung: Nein, Ziel mittels konservativer Therapie ist keine Verschlechterung.
Chance auf Heilung: Nicht mit konservativen Methoden. Mit OP ja – aber die Kosten dafür übernimmt die Kasse (noch) nicht.
Chance, mich so anzunehmen wie ich bin: Check. 🙂 Und alles zu unternehmen, kein Opfer mehr zu sein, das unter dem Lipödem leidet.

Und eines darf man dabei nicht vergessen – wir sind hier im pipparadies und Wunder geschehen… 😉

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Es geht nicht um Schönheit?!

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Bis zur tatsächlichen Diagnose Lipödem habe ich meinen Körper oft wirklich gehasst. Weil er nicht “der Norm” entsprochen hat. Jener Norm, die andere vorgeben und weil er nicht reagiert hat auf all das, was ich getan habe, um “in Form” zu kommen. Nichts essen, viel essen – mir das Essen wieder durch den Kopf gehen lassen… Bewegung verschiedenster Art.
Und jedes Mal die Blicke der anderen, die man wie selbstverständlich als Missachtung und Spott interpretiert. Ich konnte mich nicht ansehen und schon gar nicht verstehen, wie “das” irgendjemanden gefallen würde. Jeder Satz wird auf die Waagschale gelegt, jede Bemerkung sofort auf das Aussehen zurück geführt. Ich habe mich, meine Persönlichkeit, total reduziert. Am meisten haben Sätze wie “sie hat so ein hübsches Gesicht, aber” weh getan. Tun sie ehrlich gesagt noch heute.
Heute geht es aber nicht mehr um “Schönheit”. Ich bin schön. Genau so schön, wie jeder Mensch, dem ich in den vergangenen fast 32 Jahren begegnet bin. Jeder Mensch ist ein großes Wunder. Und es geht darum, dankbar zu sein. Keine Körperfunktion ist selbstverständlich, es braucht Milliarden Zellen, die zusammenarbeiten müssen, um das Wunder Mensch tagtäglich leben zu lassen. Und jede einzelne hat unseren Dank verdient. Vor drei Jahren noch hätte ich die Lymph-Reha aus ästhetischen Gründen gemacht, und das noch dazu vor allem um anderen zu gefallen. 1. aus den falschen Gründen und 2. für die falschen Menschen. Heute mach ich sie, weil ich meinen Lymphzellen die Arbeit erleichtern will und für mich. Weil es nicht wichtig ist, was andere über meine “Verpackung” denken. Wichtig ist, was drin ist und das sollte so gut wie möglich funktionieren. Jeder kann dazu beitragen, indem er sich Gutes tut und andere nicht aufgrund ihres Äusseren, wenn es von der “Norm” abweicht, be- oder gar verurteilt. Diese Urteile sind keine “Norm” – einfach enorm unpassend.

An dieser Stelle ein großes und mit Liebe vollgepumptes Danke an die süßen Menschen meiner Umgebung, die mich in dem was ich bin und tu einfach annehmen und mich darin bestärken, ich zu bleiben. Ohne euch wäre das Leben nur halb so schön 🙂

Von einem neuen Zugang und den Vorbereitungen für die Lymph-Reha

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Ich liebe mein Leben. Und ja, ich nutze viele Gelegenheiten, um diese Grundeinstellung weiterzugeben, oder andere zu motivieren bzw. einfach nur auf den Gedanken zu bringen, wie kostbar dieses Leben ist. Jeder einzelne Tag.

Im Pipparadies geht es auch darum, Ja zu sich zu sagen – mit allem, was einen ausmacht. Jeder Mensch ist und bleibt ein Wunder. Von den Haar- bis zu den Zehenspitzen ist jeder einzigartig und gleichzeitig ist jeder perfekt.

Es gibt Umstände, die es nicht so einfach machen, diese Perfektion als solche anzuerkennen. Krankheiten sind solche Umstände, die zweifeln lassen. Doch viele Krankheiten sind eine Chance – die Chance, sich weiter zu entwickeln, Selbstheilungskräfte zu aktivieren, optimistisch zu bleiben, jeden Moment lieben zu lernen. Und mir ist es sehr bewusst, dass es Unterschiede gibt – nicht jede Krankheit verläuft gleich, die Heilungschancen sind unterschiedlich. Was bleibt ist am Ende nur dieser einzelne Moment. Jede Sekunde. Es geht jetzt nicht darum, etwas schlimmer, besser, schöner, grausamer, heilbarer oder hoffnungsloser darzustellen. Ich habe beschlossen, mein Thema – das ich nicht Krankheit nennen möchte, weil es dann mehr “Macht” hätte – zu teilen. Um diese Geschichte für mich aufzuschreiben und vielleicht ein paar andere Betroffene zu erreichen und um gemeinsam das Thema abzuschließen und ein neues Kapitel anzufangen.

Lipödem. Ich mag Buchstaben und Wörter – aber mit diesem Wort konnte ich mich bis jetzt nicht anfreuden. Lipödem. Es ist mit so vielen Tränen, Traurigkeit, Verzweiflung, Unwissenheit, Scham und Frust verbunden. Lipödem. Seit 2010 so etwas wie ein Schatten, der mich tagtäglich begleitet. Ich habe gelernt, damit umzugehen und meinen Körper nicht mehr dafür zu hassen, dass er mich mit diesem Wort, diesem Thema in Verbindung gebracht hat. Ich habe gelernt, dass es nicht um meinen Charakter, meine Seele, meine Talente oder Interessen geht. Es geht rein um eine Funktion – die meinem Körper nicht so leicht fällt, wie anderen. Es sind kranke Fettzellen, vor allem an den Armen und Beinen, die Wassereinlagerungen fördert und den Lymphfluss beeinträchtigen. Alles wird Dicker – außer den Händen und Füßen oder Oberkörper, Hals und Kopf – diese “Unform” wird zur Belastung. Jeder Blick in den Spiegel wird zur Herausforderung. Jede Mahlzeit beginnt mit dem Gedanken: Darf ich überhaupt? Lange Zeit macht man sich selbst dafür verantwortlich. Zu wenig Sport, zu viel Schokolade. Doch dann stellt man fest, auch wenn viel Sport und wenig Schokolade – bis fast gar nichts essen – auf dem Tagesplan stehen: es ändert sich nichts. Die Blicke der anderen tun weh. Man verurteilt sich selbt, zu schwach zu sein. Die Gedanken fahren Karusell: Was denken sich die Menschen rundherum? Wie stehe ich da? Wie ist meine Haltung? Sieht jemand meine Oberarme? Wie kann ich das alles verstecken? Könnte mir jemand bitte ein Loch graben, in dem ich untertauchen kann? (Eine Schaufel wird wohl nicht reichen, vielleicht jemand mit Bagger? :))

In den vergangen Jahren habe ich viele verschiedene Phasen durchlaufen – Diäten (bis zum Abwinken – immer ohne richtigen Erfolg, weil Diäten beim Lipödem nichts bringen, weiß man aber nicht, solange man nichts davon weiß), Frust, Verzweiflung, Selbsthass, Verdrängung, Einsicht, Verständnis, Mut. Lange habe ich mich geschämt – für diesen Körper, der nicht so ist, wie er sein “sollte”. Ich war einmal beim Arzt, habe mir die Diagnose abgeholt und erst mal in eine Schublade gelegt. Ich wollte mich nicht weiter mit Fettzellen – schon gar nicht mit kranken – beschäftigten.

Seit ein paar Wochen ist mein Zugang ein anderer. Es geht nicht darum, mich mit Fettzellen zu beschäftigten, sondern mit der Funktionsfähigkeit meines Lymphsystems. Die Lymphe erfüllt sehr wichtige Aufgaben im Körper – ist zb für den Abtransport der Lymphflüssigkeit zuständig. Und wenn die gute Lymphe keine optimalen Arbeitsbedingungen vorfindet – dann muss ich ihr dabei helfen, die körperliche Infrastruktur zu verbessern.

Deshalb: Reha-Ansuchen, Lymphklinik, ich komme. Der Antrag wurde genehmigt. In vier Wochen geht es los und es ist noch jede Menge vorzubereiten. Meinen Kopf zum Beispiel – auf die Tatsache, dass jetzt innerlich umgebaut wird, um die Weichen wieder auf Vollfunktion zu stellen. Ich werde diesen Weg im Pipparadies gehen. Um – natürlich auch mir – und vielleicht auch anderen Mut zu machen, raus zu gehen. Sich nicht zu verstecken und aufzugeben, weil man “eh nix machen kann”. Ich möchte gehört/gelesen werden, weil das Lipödem ein Thema ist, das viele betrifft und weil es Möglichkeiten gibt, etwas zu tun.

Lipödem. Ich freunde mich langsam mit dem Wort an. Langsam.